14. April 2014
14
Minuten sind vergangen, seitdem Robert Pattinson in einem der Räume dieser
riesigen Lagerhalle, die in ein Fotostudio umgewandelt wurde, verschwunden ist,
um sein Make-up aufgelegt zu bekommen.
Als
er letztendlich heraustritt, ist sein Gesicht mit weißer und schwarzer Farbe
bedeckt, die verblasst, als wir einige Zeit später, nachdem wir fertig sind,
literweise Wasser und Gatorade in sein Gesicht schütten. Es ist klar, dass das
Teen-Idol aus Twilight-Saga vollständig verschwunden ist. An seiner Stelle
verbleibt ein Schauspieler, der mehr und mehr fasziniert, ein Künstler – einer
der sich sogar die eine oder andere Inszenierung der Session mit Fotograf
Danielle Lewit ausgedacht hat – dessen Filmografie ernsthaft zu beeindrucken
beginnt. Seit Beginn dieses Jahres hat er mit Werner Herzog (Queen of the
Desert) und Anton Corbijn gefilmt (Life), zu denen er kürzlich Harmoni Korine
und James Gray (The Lost City of Z) hinzugefügt hat. Nachdem er hier 2012 Cosmopolis
präsentiert hat, feiert er sein Comeback in Cannes gleich mit zwei Filmen.
„Maps to the Stars“, welcher seine Wiedervereinigung mit David Cronenberg
markiert, und „The Rover“, der neue Spielfilm von David Michôd (Animal
Kingdom). Ein Western um verkrampfte Antizipation, bei dem sich Pattinson,
unergründlicher als jemals zuvor, beweist, dass die Zukunft ihm gehört.
Premiere: Wir haben dich vor zwei Jahren im Fond einer Limousine in
Cosmopolis verlassen und finden dich nun im neuen Film von David Cronenberg,
„Maps to the Stars“ hinter dem Lenkrad einer solchen wieder. Macht er das mit
Absicht?
Rob: Vielleicht bauen wir eine Trilogie rund um Limousinen…keine
Ahnung, ob das in seinem Fall eine bewusste Entscheidung von ihm war oder
nicht.
Premiere: Der „Rote Faden“ ist aber, dass du in jedem Film mit
einer erfolgreichen Schauspielerin schläfst…
Rob: Diese Szene mit Julianne Moore war so komisch. Und wir hatten uns
gerade erst getroffen, kurz bevor wir diese Szene drehten.
Premiere: Das war ja auch bei Juliette Binoche der Fall, mit der du
die Sexszene in Cosmopolis gedreht hast. Ist das deine neue Art
Schauspielerinnen am Set willkommen zu heißen?
Rob: Ich erinnere mich, dass ich Julianne getroffen habe, bevor wir
damit anfinden diese Szene zu drehen. Sie hat mir den Ratschlag gegeben,
stilvolle Projekte auszuwählen und intelligente Filme zu drehen. Und dann sagt
David plötzlich „Action“ und wir fangen an, wie die Tiere im Auto zu rammeln.
Sehr stilvoll, das ist richtig… (lacht)
Und
dazu war es außerdem noch kochend heiß. Ich habe geschwitzt wie verrückt und
Schweißtropfen sind meine Stirn herunter gelaufen. Ich habe mich selbst
gefragt, warum ich keinen Herzinfarkt bekommen habe. Jedes Mal, wenn ein
Tropfen gefallen ist, versuchte ich zu verhindern, dass er auf Juliannes Rücken
endete. Es war lächerlich, nach einer Weile hat sie sich besorgt in meine
Richtung gedreht und mich gefragt: ‚Bist du Okay? Hast du eine Panikattacke?’
Ich war total außer Atem, komplett durchnässt, währenddessen sie nichts davon war.
Premiere: Du siehst nicht wie der Typ Schauspieler aus, der seinen
Job nur zur Hälfte macht.
Rob: Genau. Es ist mein eigener Schweiß, den du auf der Leinwand
siehst.
In
„The Rover“, waren die Fliegen mein Problem. Ich habe noch niemals so etwas wie
das erlebt. Wir waren permanent von Filmblut bedeckt und sobald wir raus kamen,
fingen fünfzig Fliegen an, uns zu umkreisen. Den ganzen Tag lang, es wollte
nicht enden.
Premiere: Die glamouröse Seite von Australiens Outback.
Rob: Wir haben den Film wirklich mitten im Nirgendwo gedreht. Die
meisten der Leute, die du im Film siehst, sind am gleichen Tag angeworben
worden. Wie dieser kleine Typ, der eine Knarre an Guy Pearce verkauft und rum
läuft und „Fuck, Fuck, Fuck!“ vor sich hingrummelt. Er war wirklich so.
Außerdem war da noch dieser Kerl mit dem verrückten Gesicht, den man im Laden
sieht. Sie haben ihn gefunden, während sie nach diesem Ort gesucht haben. Er
kam in dieses Haus und dachte es wäre verlassen und landete Auge in Auge mit
diesem Typen und seiner Frau, die nackt war. Später fanden sie heraus, dass sie
eine FKK-Anhängerin war.
Premiere: Eine der Stärken dieses Films ist sein Minimalismus. War
das auf diese Weise auch auf dem Papier schon so?
Rob: Ja, dieser Eindruck von Trostlosigkeit kam aus dem Drehbuch,
welches mich mit seinem hungrigen Aspekt gepackt hat. Der Film ist extrem karg,
aber das ermöglicht es, eine eigene außerirdische Welt zu kreieren. Eine
Eigenschaft, die mich auf eine Art an „Cosmopolis“ erinnert.
Premiere: Dieser Film markierte ganz klar einen Wendepunkt in deiner
Karriere. Du hast uns einmal erzählt, dass er dir „Eier in der Hose“ gegeben
hat. Wachsen sie noch?
Rob: Wenn du in einem Blockbuster spielst, dann wirkst du in
einem Ensemble mit, ohne wirklich zu wissen wie. Bei den kleineren Filmen, die
ich nun mache – und vermutlich ist das so, wegen ihrer anspruchsvollen Seite -
fühle ich mich als würde ich etwas erschaffen. Es ist irgendwie greifbarer.
David Michôd hat mich in „The Rover“ eine Menge verschiedene Dinge ausprobieren
lassen, wie etwa verfaulte Zähne zu haben oder die rasierte Rückseite meines
Kopfes, weil ich dachte, dass es den Charakter verletzlicher macht, wenn sein
Nacken auf diese Art so ungeschützt ist.
Premiere: „The Rover“ scheint eine neue Stufe auf deiner Karriereleiter
zu sein. Empfindest du das auch so?
Rob: Das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, einen Erwachsenen auf
der Leinwand zu sehen, war als ich den Dior-Werbespot sah, den ich letztes Jahr
mit Romain Gavras gedreht habe. „The Rover“ bestätigte dieses Gefühl, welches
sich in „Life“ fortsetzte, der Film, den ich gerade mit Corbijn gedreht habe.
Ich denke, ich habe mehr Vertrauen in mich selbst und die beiden Auswahlen für
Cannes helfen dabei sehr. All die Jahre für Twilight blöd angemacht zu werden, hat
mein Ego etwas lädiert.
Premiere: Siehst du dieses Festival als eine Art „Ritterschlag“?
Rob: Du hast ja keine Ahnung…es ist eine riesige Anerkennung.
Für lange Zeit wünschte ich mir Rollen, ohne wirklich zu wissen, ob ich sie
auch wirklich spielen kann. Heute fühle ich mich bereit, Risiken zu übernehmen
und dazu zu stehen.
Premiere: Vor zwei Jahren hast du uns erzählt, dass du verzweifelt
versucht hast, Romain Gavras zu kontaktieren. Du hattest letztendlich Erfolg.
Rob: Diese Werbung für Dior war der einzige Erfolg versprechende Weg,
den ich fand, um ihn zu kontaktieren. Ich sagte mir: ‚Jetzt wird er
notgedrungen antworten.’
Auf
eine Art habe ich mich so gefühlt, als hätte ich mir diesen Anruf erkauft.
Premiere: Von wem kam die Idee, dich aussehen zu lassen wie den
jungen Belmondo?
Rob: Von Dior. Das Originalkonzept war sogar noch mondäner. Es
wurde verfeinert und nach und nach angepasst. Durch diese Art wie Romain mit
seinem Kameramann zusammen gearbeitet hat, ergab sich dieses extrem lebendige
Ergebnis. Du musst dazu wissen, dass es uns nicht wirklich erlaubt war, jenen
Teil, in dem ich am Strand Auto fahre, zu drehen. Romain hat das um 7 Uhr
morgens gemacht und er hörte nicht auf zu schreien: ‚Beeilt euch, wir verlieren
das Licht!’ Was für ein Licht? Es war 7 Uhr morgens!’
Der
Sand war nass und das Auto blieb darin stecken. Also musste ich bis zu 100Km/h
schnell mit diesen beiden Models auf dem Rücksitz fahren, während Romain
immerzu schrie: ‚Wir verlieren das Licht! Wir verlieren das Licht!’
Niemals
hätte ich gedacht, dass ich mich selbst einmal in dieser Art von Werbung wieder
finde, aber ich muss eingestehen, dass es eine wirklich positive Erfahrung war.
Dior gab uns eine wirklich unglaubliche Menge an Freiheit.
Premiere: Während unseres letzten Interviews hast du uns erzählt,
dass es einer deiner Träume war mit James Gray zu arbeiten, was ja bald der
Fall sein wird.
(Pattinson
wird demnächst an der Seite von Benedict Cumberbatch in „The Lost City of Z“ zu
sehen sein.)
Rob: Sie haben den Dreh nochmals auf Januar verschoben, und irgendwie
werde ich des Wartens langsam müde. Es wird in Columbia gedreht und es wird
sicher verrückt. In der Zwischenzeit werde ich möglicherweise etwas mit Harmony
Korine drehen, wovon ich träume seitdem ich 17 bin. Genau wie mit James Gray.
Ich habe ihn gefragt, um was es in dem Film geht, aber er wollte mir noch
nichts dazu sagen.
Premiere: Du hast noch Werner Herzog zu deinem Lebenslauf
hinzugefügt. (Queen of the Desert mit Naomi Watts)
Rob: Ich habe das überhaupt nicht erwartet. Es ist eine sehr kleine
Rolle, aber ich liebte es mit ihm zu arbeiten. Egal, was das Thema ist, immer
hat er eine unwahrscheinliche Geschichte oder eine Anekdote dazu zu erzählen.
Wir haben gedreht, während der Prozess von Amanda Knox (eine Amerikanerin, die
verdächtigt wird, einen von ihren Zimmergenossen in Italien getötet zu haben)
wiedereröffnet wurde, und Herzog erzählte uns wirklich ernsthaft: ‚ Ich sah
Dokumente, die die Öffentlichkeit niemals gesehen hat und ich kann euch
garantieren, dass sie schuldig ist.’ (lacht) Natürlich habe ich ihm überhaupt
nichts geglaubt.
Premiere: Bist du immer noch so beliebt bei den Paparazzi? Oder hat
die Hysterie nachgelassen?
Rob: Ich werde immer besser darin, nicht entdeckt zu werden.
Als ich das letzte Mal nach London zurückkam, wurde ich nicht ein einziges Mal
fotografiert. Mein bester Freund sagte zu mir: Das nächste Mal, wenn dich
wieder jemand fotografieren will, erinnere dich an die Zeit, als sie dich in
Ruhe gelassen haben. Denk nicht daran, dass es nur wieder eine weitere
Fortsetzung all der Jahre ist, in der sie Bilder mit dir gemacht haben, sondern
sieh es als Einzelfall. Er hat recht damit. Vorher wurde ich manchmal verrückt,
wenn sie ein Bild von mir auf der Straße machten. Es ist anders, wenn du ein
Typ bist, abgesehen vom Eindringen in deine Privatsphäre ist es auch deine
Männlichkeit, die auf eine Art verhöhnt wird. Denn letztendlich stehst du
diesen Typen gegenüber, die Bilder ohne Rücksicht auf Verluste von dir machen und
du kannst überhaupt nicht dagegen tun. Es gab Momente, da wollte ich sie im
wahrsten Sinn des Wortes umbringen. Inzwischen habe ich mich etwas beruhigt.
Nun, das denke ich jedenfalls, aber es kommt mir vielleicht auch nur so vor,
weil es seltener geworden ist. Das Verdrehte an all dem ist, dass es mein Job
ist und ich dafür bezahlt werde, andere Leute darzustellen. Wie willst du das
vor dem Publikum glaubhaft rüberbringen, wenn dein Gesicht dauernd in den
Boulevardblättern ist, die dich dabei zeigen, wie du deine Lebensmittel
einkaufst?
Premiere: Also hast du das beendet, indem du dir deine Lebensmittel
liefern lässt.
Rob: Nein, ich bestelle jeden Tag bei Domino’s Pizza. (Lacht)
remiere: Oft erleben wir, dass Schauspieler neben unabhängigen
Filmen auch für Blockbuster unterschreiben und erklären, dass dies nötig ist,
um auch in künstlerischen Projekten mitzuwirken. In deinem Falle ist es wohl
eher so, dass du dich entschieden hast, große Studiofilme zu meiden.
Rob: Ja, weil ich nicht an den Gedanken glaube, dass es notwendig ist,
zwischen den beiden abzuwechseln. Dem Publikum ist es egal, ob du einen
„großen“ Film oder einen „kleinen“ machst. Die Leute wollen dich in einem guten
Film sehen. Manchmal bewegen sich einige Schauspieler von einem großen Film zum
nächsten, bis zu dem Tag an dem alles auf einmal aufhört. In diesem Moment sind
sie hilflos: ‚Ich verstehe das nicht, ich habe doch das Spiel gespielt.’ Nur
gibt es keine Gesetze. Alles kann zu jeder Zeit einstürzen. Der Vorteil ist,
wenn mir das passiert, kann ich immer noch einige hundert Dollar machen, indem
ich auf Twilight - Conventions gehe und Autogramme schreibe. (lacht)
Premiere: Wie lange, glaubst du, wird es dauern bis Hollywood ein
Remake der Saga machen wird?
Rob: Ich habe keine Ahnung. Ich glaube die Ära der Vampire ist vorbei
oder nicht? Es ist lustig, vor ein paar Tagen habe ich mich mit jemandem daran
erinnert, wie wir eine Szene von Twilight gedreht haben. Ich glaube, es ist die
erste Szene vom letzten Film, wenn Bella aufwacht und Edward sieht, so ein
bisschen wie eine Geistererscheinung. Wir haben über einen Monat in der eisigen
Kälte von Kanada gedreht. Ich war nahe daran depressiv zu werden und mein
einziger Lichtblick war jeden Morgen bei McDonalds zu frühstücken. Nach 4
Wochen kam dann der Moment, dass wir diese Szene drehten, ich trug ein weißes
Shirt und das Licht kam von hinten. Als ich die Szene direkt danach sah, habe
ich realisiert dass man die Umrisse meiner frisch erworbenen Rettungsringe
sehen kann. Ich sah diese Szene kürzlich im TV und sie sind immer noch da.
Premiere: Nach all diesen Jahren bin ich überrascht, dass es immer
noch Anekdoten von Twilight zu erzählen gibt.
Rob: Wenn ich daran denke, dass der erste Film vor über sechs Jahren
herauskam und ich diese Rolle schon 2007 bekam, dann kommt mir das alles so
surrelalistisch vor. Den größten Teil meiner Zwanziger war ich darauf
konzentriert. Als der zweite Film raus kam, realisierte ich, dass es mich noch
mal 10 Jahre kosten würde, bis ich wieder ich selbst sein würde und es sich in
irgendwas anderes verwandeln würde.
Premiere: Die zwei Filme, die du in Cannes präsentieren wirst,
belegen, dass du weniger als 10 Jahre brauchtest, um das zu erreichen.
Rob: Ich bin wirklich begeistert von der Idee zum Festival
zurückzukehren. Ich würde es lieben, wenn all meine Filme dafür ausgewählt
werden würden. Erstmal haben es ja die letzten drei Filme, die ich seit
Twilight gedreht habe, geschafft. Ich werde alles tun was ich kann, um dieses
Ziel beizubehalten.

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